The story
Herzlich willkommen auf dem Viktualienmarkt, dem kulinarischen Herz Münchens. Während Sie hier zwischen den duftenden Käseständen, den bunten Blumenmeeren und den bayerischen Schmankerln spazieren, ahnen Sie vermutlich nicht, dass nur wenige Meter unter Ihren Fußsohlen eine ganz andere Welt existiert. Schließen Sie für einen Moment die Augen und versuchen Sie, das Markttreiben auszublenden.
Wenn es ganz still wäre, könnten Sie es vielleicht hören: das stetige Rauschen von fließendem Wasser. München war einst eine Stadt des Wassers, ein wahres Venedig der Alpen. Über 150 Kilometer offene Bachläufe durchzogen die Altstadt.
Diese sogenannten Stadtbäche waren die Lebensadern der Stadt. Sie trieben Mühlen an, dienten der Brandbekämpfung, kühlten das Bier und entsorgten leider auch die Abfälle. Hier am Viktualienmarkt, direkt unter dem Kopfsteinpflaster, fließen sie noch immer im Verborgenen.
Einer der prominentesten ist der Köglmühlbach. Er kommt aus Richtung des Isartors und bahnt sich seinen Weg unter der Heiliggeistkirche hindurch, direkt unter die Verkaufsstände, an denen Sie gerade vielleicht nach frischen Obatzda Ausschau halten. Ein Stück weiter, in Richtung des „Der Pschorr“, verläuft die Roßschwemme.
Der Name verrät ihre alte Funktion: Hier wurden früher die Pferde der Fuhrleute gewaschen und getränkt. Stellen Sie sich vor, wie die Hufe auf dem Stein klapperten, während das klare Isarwasser an ihnen vorbeischoss. Im 19.
Jahrhundert jedoch wurde dieses Idyll zum Problem. Mit der wachsenden Bevölkerung stiegen die hygienischen Sorgen, und die Cholera suchte die Stadt heim. Unter König Ludwig dem Ersten und später unter Prinzregent Luitpold wurden die Bäche nach und nach unter die Erde verbannt und eingemauert.
Doch sie sind nicht verschwunden. Heute fließen immer noch rund 13 Kilometer dieser Bäche in einem verzweigten Kanalsystem unter der Altstadt. Sie haben eine wichtige ökologische Funktion, denn sie kühlen die Stadt in heißen Sommern von unten ab und halten das Grundwasser im Gleichgewicht.
In den Kellern einiger Gebäude rund um den Markt, wie etwa im Alten Rathaus oder im besagten Pschorr-Haus, kann man das Wasser durch dicke Glasscheiben oder in offenen Rinnen sogar sehen. Dort nutzt man die natürliche Kälte des Wassers auch heute noch zur Kühlung der schweren Bierfässer. Wenn Sie das nächste Mal an einem der Gullideckel hier am Markt stehen bleiben, halten Sie kurz inne.
Oft steigt ein kühler Hauch herauf, und bei genauem Hinhören vernehmen Sie das Gurgeln der Isararme, die unermüdlich ihren Weg zum Hofgarten und weiter in den Englischen Garten suchen. Münchens vergessenes Klein-Venedig ist nicht tot – es hat nur gelernt, im Dunkeln zu fließen, während das Leben oben seinen gewohnten Gang geht. Genießen Sie Ihren Rundgang über den Markt mit dem Wissen, dass Sie auf einer flüssigen Geschichte wandeln.