The story
Willkommen am Wiener Opernring. Wenn Sie sich hier aufstellen und Ihren Blick über die mehrspurige Prachtstraße direkt auf die monumentale Fassade vor Ihnen richten, stehen Sie vor einem der berühmtesten Gebäude der Welt: der Wiener Staatsoper. Doch lassen Sie sich von dem heutigen Glanz nicht täuschen.
Die Geschichte dieses Hauses ist so dramatisch wie die Opern, die hinter seinen Mauern aufgeführt werden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Kaiser Franz Joseph die alte Stadtmauer schleifen ließ, sollte hier ein Tempel der Kunst entstehen.
Zwei Männer wurden mit dieser monumentalen Aufgabe betraut: August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll. Sie entwarfen ein Meisterwerk der Neorenaissance, doch das Wiener Publikum und die lokale Presse waren gnadenlos. Man spottete über das Gebäude, nannte es eine versunkene Kiste, weil das Straßenniveau nach Baubeginn angehoben worden war und das Haus dadurch niedriger wirkte.
Sogar der Kaiser selbst verglich die Architektur abfällig mit einer militärischen Niederlage, dem Königgrätz der Baukunst. Die Kritik war so vernichtend, dass sie in einer Tragödie endete. Eduard van der Nüll hielt den öffentlichen Druck und den Spott nicht mehr aus.
Er nahm sich nur wenige Wochen vor der Fertigstellung das Leben. Sein Partner Sicardsburg starb nur zehn Wochen später an gebrochenem Herzen – oder, wie es offiziell hieß, an Lungenschwindsucht. Keiner der beiden Architekten erlebte die feierliche Eröffnung am 25.
Mai 1869. An jener Eröffnungsnacht stand Mozarts Don Giovanni auf dem Programm. Es war eine Galavorstellung, doch der Schatten der toten Architekten lag schwer über dem Abend.
Der Kaiser war so erschüttert über das Schicksal der Männer, dass er von diesem Tag an jede neue bauliche Errungenschaft nur noch mit der berühmten, diplomatischen Floskel kommentierte: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut. Er wagte es nie wieder, öffentlich Kritik zu üben. Schauen Sie nun etwas genauer hin.
Über den fünf großen Arkadenbögen der Hauptfassade sehen Sie die Statuen der beiden Reiter auf ihren geflügelten Pferden, die die Harmonie und die Poesie darstellen. In den Nischen darüber stehen die Musen der Liebe, des Schicksals, der Rache und der Komödie. Es ist ein Haus voller Symbolik.
Doch die Staatsoper, die Sie heute sehen, ist nicht mehr gänzlich das Original von 1869. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, im März 1945, wurde das Gebäude von Fliegerbomben schwer getroffen und brannte fast vollständig aus. Nur die Fassade und das prachtvolle Treppenhaus, das Sie im Inneren bewundern können, blieben wie durch ein Wunder erhalten.
Es dauerte zehn Jahre, bis die Oper 1955 mit Beethovens Fidelio wiedereröffnet werden konnte – ein Symbol für die Freiheit und den Wiederaufbau Österreichs. Heute ist dieser Ort das pulsierende Zentrum der Musikstadt Wien. Über 300 Vorstellungen pro Jahr finden hier statt, und jedes Jahr verwandelt sich das Haus für eine Nacht in den schönsten Ballsaal der Welt, wenn der Opernball die Blicke der Weltöffentlichkeit auf sich zieht.
Wenn Sie hier stehen, spüren Sie den Atem der Geschichte – eine Mischung aus kaiserlicher Pracht, bürgerlicher Kritik und der unsterblichen Liebe zur Musik. Genießen Sie diesen Anblick noch einen Moment, bevor Sie Ihren Weg entlang der Ringstraße fortsetzen.